März 2007

Neues aus der Wissenschaft - Beiträge 2007

Glaukom

Früher zählte zur üblichen Glaukomerkennungs-Diagnostik der sog. Kaffeeversuch. Mangels statistisch sauberer Ergebnisse wurde diese Diagnostik schon bald verlassen. Nun berichteten Forscher aus Australien, dass Patienten mit einem Offenwinkelglaukom, die regelmäßig Kaffee konsumierten, im Durchschnitt einen höheren Augeninnendruck hätten, als diejenigen, die niemals Kaffee tranken.

Nach Anpassung hinsichtlich des Alters, des Geschlechts und des systolischen Blutdruckes fand man auch, dass Studienteilnehmer mit einem täglichen Konsum von 200 mg Koffein und mehr einen höheren durchschnittlichen Augeninnendruck aufwiesen als diejenigen, die weniger als 200 mg pro Tag zu sich nahmen. Allerdings erreichte dieser Zusammenhang keine statistische Signifikanz. Für Glaukom-Patienten bedeutet dies, dass sie ruhig Kaffee trinken können. Wer ganz besonders vorsichtig sein möchte, sollte nicht mehr als 200 mg Kaffee pro Tag zu sich nehmen.

Viele von Ihnen haben sich hoffentlich bereits einer Untersuchung mit dem Heidelberg Retina Tomographen unterzogen. In der Regel sollte man diese Untersuchung, so von Wissenschaftlern empfohlen, einmal im Jahr durchführen lassen. Seit kurzem ist die Software dieses Gerätes in einer aktualisierten Version in vielen Augendiagnostikzentren vorhanden. Die neue Softwareversion erlaubt eine optimierte Auswertung, insbesondere für die Verlaufsanalyse, auch der Daten, die mit der älteren Softwareversion verfügbar waren. der Augenarzt kann nunmehr noch besser als zuvor die Wahrscheinlichkeit des Vorliegens eines Glaukomschadens bestimmen.

Ein neues hoch interessantes diagnostisches und therapeutisches Feld eröffnet sich mit der Telemedizin. Im Rahmen eines Forschungsprojektes entwickelt der Teleaugendienst einer Universitätsaugenklinik Aktivitäten zur Überwachung von Glaukom-Patienten. Diese erhalten einen Gerätekoffer, nachdem in der Augenklinik eine Eingangsuntersuchung sowie ausführliche Einweisung in das Gerätesystem mit Aushändigung eines Anwendungsbuches erfolgt war. Diese Patienten messen den Augendruck mit dem Selbst-Tonometer und bestimmen selbst den Blutzucker sowie den Blutdruck mit entsprechenden Geräten. Alle Messwerte werden mit Datum und Uhrzeit gespeichert und per Knopfdruck aus diesem Speicher durch ein Modem über die Telefonleitung in eine elektronische Patientenakte übertragen. Der Teleaugendienst verschafft sich über eine tägliche Televisite einen Überblick über den Patienten und die erfassten Messwerte. Dabei erhält der Patient immer dann automatisch eine Rückmeldung, wenn auffällige bzw. kontrollbedürftige Messwerte festgestellt wurden. Zur Beantwortung evtl. Fragen bezüglich der Messung oder technischer Probleme stehen den im Forschungsprojekt angeschlossenen Patienten ein Augenarzt und ein Techniker telefonisch zur Verfügung. Die Studie läuft über ein Jahr. Bleibt abzuwarten, was das Ergebnis bringt.

Die Teilnehmer/innen der Mitgliederversammlung in Mainz 2005 sahen erstmals ein elektronisches Messgerät zur Feststellung, ob die Wahrscheinlichkeit eines Glaukoms vorliegt bzw. wie groß der Glaukomschaden bereits ist. Dieses elektronische Gerät steht nunmehr vielen Augenärzten zur Verfügung. Ihr Augenarzt kann anhand der ihm vorliegenden Untersuchungsergebnisse objektiver Ihr Krankheitsbild beurteilen.

Die Wissenschaft steht nicht still und man versucht über neue Wege der Messung des Augeninnendruckes genauere Informationen über den „wahren Augeninnendruck“ zu erhalten. Dies war bislang nur invasiv, d. h. im Augeninnern direkt möglich, was allerdings ein nicht unriskanter Eingriff ist. Ein besondere Problem bei der Augeninnendruckmessung waren Patienten, bei denen an der Hornhaut Lasereingriff wie Lasik, Lasek oder eine Hornhauttransplantation durchgeführt worden war. Das sog. dynamische Konturtonometer (Pascal-Tonometer) erlaubt eine geringere Verformung der Hornhaut bei der Messung, akzeptable Messungen bei „Astigmatismus (Stabsichtigkeit), Hornhautverkrümmung“ und nach refraktiver Laserchirurgie (dabei wird die Hornhaut abgeschliffen, um möglichst keine Brille mehr tragen zu müssen). Möglicherweise werden die Messwerte auch zuverlässiger bei unterschiedlichen Hornhautdicken. Gleichzeitig kann man mit diesem Gerät die okuläre Pulsamplitude messen (dieses kann evtl. ein wichtiger Hinweis auf die Durchblutung sein). Ob diese Methode möglicherweise den Goldstandard (Goldmann-Applanationstonometer) ersetzt, ist noch offen.

In einer Studie wurde herausgefunden, dass das Fitnesstraining mit Gewichten den Augeninnendruck kurzfristig auf bedenkliche Werte ansteigen lassen kann. Normalerweise raten Augenärzte ihren Glaukom-Patienten zu sportlicher Betätigung. Dabei können z. B. Laufen oder Rad fahren den Augeninnendruck durchaus senken. Auch Krafttraining wie Gewichtheben wurde von Augenärzten bisher als positiv bewertet, da dieses sog. isometrische Training den Augeninnendruck langfristig senkt, wenn es die allgemeine körperliche Fitness fördert. Allerdings kann es während dieser Übungen selbst zu deutlichen Anstiegen des Augeninnendruckes kommen. Diese Studie wurde bei jungen gesunden Menschen durchgeführt, die keinen Hinweis auf ein Glaukom hatten. Allerdings werden Fitnessstudios auch von älteren Menschen mit erhöhtem Augeninnendruck besucht, diese sollten Drückbank und Gewichtheben eher meiden.

Der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdE) wurde über ein 68-jährigen Patienten berichtet, der nach einer über 2 Wochen sporadisch verteilten 5-maligen Einnahme von Verdenafil (Levitra) auf einem Auge erblindete. Vardenafil (Levitra) gehört zusammen mit Sildenafil (Viagra) und Tadalfil (Cialis) zur Gruppe der Phosphodiesterase-5-Hemmer und ist zugelassen zur Behandlung der erektilen Dysfunktion („Impotenz des Mannes“). Neben Verdanafil erhielt der Patient das Anti-Pilzmittel Terbinafin (Lamisil). Nach der 5. Einnahme kam es zu einer kompletten Erblindung des linken Auges, so die Bekanntgabe im Deutschen Ärzteblatt 5. September. Ursächlich könnte es sich um eine sog. anteriore ischämische Opticusneuropathie (AION) in Folge des Verschlusses der kurzen hinteren Ziliararterien oder um einen Verschluss der Augenzentralarterie mit ischämischen Infarkt (Minderdurchblutung) der Netzhaut handeln. Der Patient wurde sofort stationär aufgenommen und heparinisiert (Blutverdünnung).

Vor einiger Zeit informierte ich Sie über eine Studie mit Memantin, einem Mittel, das schon einige Jahre bei der Behandlung der Alzheimer Krankheit angewendet wird. Dieses wird seit ca. 5 bis 6 Jahren an gut 5.000 Patienten mit Glaukom und zunehmender Sehnervenstörung erprobt. Diese Studie wurde jetzt verlängert. Es liegen bislang keine Daten oder Ergebnisse weder vor noch ist irgend etwas über die Studienergebnisse über die 5 bis 6 Jahre bekannt geworden. Man kann deshalb durchaus das Mittel empfehlen unter Hinweis, dass es sich noch in der Erprobung befindet.

Die Analyse der Ergebnisse der europäischen Glaukom-Präventionsstudie (European Glaucoma Prevention Study) ergab, dass die Hornhautdicke bei Teilnehmern mit okulärer Hypertension ca. 30 µm dicker war als in Augen ohne okulare Hypertension. Dies ist eine bemerkenswerte Übereinstimmung mit einer anderen Studie, der Ocular Hypertension Treatment Study. Dabei korrelierte die Hornhautdicke weder mit der Refraktion noch mit dem Basisdruck oder einem systemischen Hypertonus (hoher Blutdruck). Die stärkere Hornhautdicke korrelierte mit jüngeren männlichen Patienten und Diabetikern.

In einer anderen Studie konnte nachgewiesen werden, dass Glaukom-Patienten, die 50 Jahre und älter sind, dreimal so oft ein oder mehrere Stürze pro Jahr und mehr als sechsmal so viele Autounfälle hatten (bezogen auf die 5 vorausgegangenen Jahre).

Altersbedingte Makuladegeneration

Ein Bericht des Britisch Königlich Nationalen Instituts für Blindheit warnte davor, dass dicke Menschen mit einem Body Mass Index über 30 das doppelte Risiko einer trockenen altersbedingte Makuladegeneration haben. Außerdem hätten sie eine deutlich vermehrte Neigung, hieraus eine feuchte Makuladegeneration zu entwickeln. Weiterhin sind Grauer Star und diabetische Retinopathie signifikant häufiger bei Übergewicht. Die Autorin empfiehlt deshalb ein gesundes Körpergewicht, viel frische Früchte und Gemüse, das Aufgeben von Rauchen und mehr körperliche Betätigung. Diese Faktoren würden das Krankheitsrisiko deutlich reduzieren.

Weltweit soll die feuchte altersbedingte Makuladegeneration 3,2 Billionen Euro pro Jahr an Kosten verursachen. Dies berichtete Frau Prof. Soubrane in Cannes. Angesichts der Zunahme der Alterspyramide bis 2050 ist es sicher, dass diese Kosten noch um ein Vielfaches steigen werden.

Eine in Nordirland durchgeführte Studie fand heraus, dass Menschen mit einer Veränderung von zwei Schlüsselgenen ein geringeres Risiko haben, eine altersbedingte Makuladegeneration zu entwickeln. Man hofft, mit Hilfe dieser Kenntnis in der Zukunft eine präventive Behandlung finden zu können.

Patienten mit einer diabetischen Netzhauterkrankung, die einen selektiven VEGF-Hemmer (Macugen) erhielten, wurden weniger gelasert als eine Kontrollgruppe. Dies fand ein Forscher in Texas im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie. Auch in Deutschland laufen Studien an Patienten mit diabetischer Retinopathie, die dieses Medikament in den Glaskörper gespritzt bekommen.

Die Therapie der altersbedingten Makuladegeneration versucht, weitere neue Wege zu gehen. Man entnimmt in lokaler Betäubung aus dem Beckenkamm Knochenmark und bearbeitet im Labor das Biopsiematerial. Die peripheren Blutzellen werden dabei befreit, es entsteht eine konzentrierte Lösung von kernhaltigen Knochenmarkszellen, die auch Stammzellen enthält. Sodann wird eine Glaskörperoperation durchgeführt. Am Ende hiervon wird Luft in den Glaskörperraum eingefüllt und die Knochenmarkslösung auf die Netzhaut aufgetropft. Mit diesem klinisch experimentellen Ansatz hofft man, dass verschlossene Netzhautkapillare (kleinste Blutgefäße) sich wieder öffnen und vorhandene bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausreichend versorgte Netzhautzellen wieder in Funktion gebracht werden. Man hofft auch, dass bereits verloren gegangene Netzhautzellen sich teilweise wieder ersetzen. Bei dieser Studie sind nur Patienten eingeschlossen, bei denen eine Selbstheilung ausgeschlossen ist, bei denen in der Regel mit einer weiteren Verschlechterung zu rechnen ist, für die keine andere Therapien zur Verfügung stehen bzw. wenn die Lebensqualität bereits ausgeprägt eingeschränkt ist. In Frage kommen Patienten mit beidseitiger sog. geographischer Atrophie der Makula, bei nicht exsudativen altersbedingten Makuladegenerationen, Patienten mit Retinopathia pigmentosa sowie eine fortgeschrittene jetzt stabile diabetische nicht proliferative Retinopathie (wuchernd, d. h. mit Gefäßauswachsungen und Netzhaut-Glaskörpersträngen) mit ausgeprägter Netzhautverdünnung und Netzhautmangeldurchblutung mit dünnen Netzhautateriolen.


Die 12-Jahresergebnisse einer breiten randomisierten Studie bestätigen, dass die alleinige Einnahme von Beta-Carotin weder positive noch schädigende Auswirkungen auf das Vorkommen der altersbedingten Makuladegeneration hat.

 

Eine andere Studie, die 104 Patienten einschloss, die mit der Photodynamischen Therapie in Kombination mit Kortison und Avastin behandelt wurden, konnte bestätigen, dass die Sehschärfe bereits nach einem Behandlungszyklus anstieg.

In einer weiteren Studie, die Patienten im Alter von 49 bis 73 Jahren umfasste, konnte nachgewiesen werden, dass Menschen mit einer frühen Manifestation der altersbedingten Makuladegeneration eine höhere Anzahl von Schlaganfällen hatte als die Gruppe der Patienten ohne frühe altersbedingte Makuladegeneration.

gez.
Dr. Gudrun von Thun-Blaul